Chinas Trägerprogramm bis 2065

von Felix F. Seidler. Felix F. Seidler ist freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität in Kiel und Administrator von Seidlers Sicherheitspolitik. Dieser Artikel wurde dort als erstes veröffentlicht.

Je größer das Rüstungsprojekt, desto langfristiger muss gedacht werden. Gegenwärtig sind Flugzeugträger das umfangreichste Vorhaben. Zwischen Planungsbeginn und voller Einsatzbereitschaft liegen zweistellige Jahreszahlen. Langfristige Linien von Chinas Trägerprogramm sind erkennbar, deren Verwirklichung aber keineswegs sicher. Nichtsdestotrotz wird hier der Versuch einer Darstellung unternommen, womit China auf See in Zukunft aufwarten könnte.

Alle Flugzeugträger weltweit.

Alle Flugzeugträger weltweit.

Bis ins Jahr 2065?
Lebensdauer eines US-Trägers sind rund 50 Jahre. Gebrauchte Träger westlicher Staaten werden in Indien und Brasilien auch noch wesentlich länger genutzt. Nach 2015 wird mit selbstgebauten Trägern Chinas gerechnet. Über deren Lebensdauer lassen sich heute schwerlich Detailaussagen machen. Allerdings dürften Chinas Cyber-Streitkräfte kaum Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Wissen aus den USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und auch Spanien (Bazan-Werft) haben. Also legen wir hier die 50 Jahre wie bei der US Navy zugrunde und enden bei 2065.

Politischer Wille vs. äußere Einflüsse
In Euro wie Dollar verschlingt ein Trägerprogramm mal eben jährlich zweistellige Milliardenbeträge. Derartige Ausgaben für Jahrzehnte beanspruchendes Projekt wie Flugzeugträger lassen sich nur durchführen, wenn unter den politischen Eliten des Landes ein genereller Konsens darüber besteht. Verteilungskämpfe um Haushaltsmittel gibt es eben auch in zentralistischen Systemen. Die stolzen Meldungen der Staatspresse über die neuesten maritimen Fortschritte der Volksbefreiungsmarine sollten Beweis genug für die Existenz des politischen Willens in Peking sein. Die womöglich schon in 2016 größte Volkswirtschaft der Welt wird ihre Rechnungen bezahlen können. Wem das nicht reicht, der werfe einen Blick auf die Pläne für Nuklearantriebe und trägergestützte Kampfjets.

Der politische Wille könnte von folgenden Entwicklungen diametral geändert werden: Innere Unruhen als Folge des demografischen Wandels in China; eine neue globale Wirtschaftskrise; ein verlorener Krieg gegen die USA; Kostenexplosion des Programms; gravierende technische Änderungen in der Kriegsführung. Da der demografische Wandel bekannt ist, verfügt Peking über genug Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Wirtschaftskrise oder Kostenexplosion kann China durch seine Devisenreserven meistern. Ein amerikanisch-chinesischer Krieg oder gravierende technische Neuerungen bleiben bloße Spekulation. Letztendlich kann China aufgrund seiner Abhängigkeit vom Seetransport auch einfach nicht mehr zum kontinentalen Fokus vergangener Jahrhunderte zurück.

Das folgende Szenario ist weitgehend linear gedacht und geht davon aus, dass sich im am politischen Willen und Konsens nichts Existenzielles ändert. Selbstredend ist umso mehr eigene Spekulation dabei, je weiter der Blick in die Zukunft geht.

Chinas Militäretat wird den der USA zwischen 2020-40 überholen.

Chinas Militäretat wird den der USA zwischen 2020-40 überholen.

Phase 1: Bis 2020
Die gegenwärtige übende und testende Liaoning wird vor 2015 volle Einsatzbereitschaft erreichen. Dafür spricht das bisherige Tempo der Manöver. Das Einsatzprofil der Liaoning umfasst dann Demonstration politischen Willens im Westpazifik, freundliche Hafenbesuche und vertrauensbildende Maßnahmen sowie humanitäre Hilfe; Letzteres ist im Erdbeben geplagten Pazifik ein wahrscheinliches Szenario. Interessant wäre eine Verlegung der Heimatbasis der Liaoning von Qingdao nach Sanya. Dies wäre eine eindeutige politische Botschaft in Richtung des Südchinesischen Meeres. Sanya ist für Träger geeignet. Berichte über in diese Richtung gab es aber noch nicht.

Sehen wird die Welt in dieser Phase den Stapellauf maximal zwei selbstgebauter, konventionell angetriebener Träger etwa nach Vorbild der Liaoning (STOBAR-Design). Deren erste Aufgabe ist die Bekämpfung ihrer technischen Kinderkrankheiten, das Training der Crews und die langsame Integration in die Flotte. Dass diese Flotte in dieser wie in allen folgenden Phasen um die notwendige Zahl an Begleitzerstörern/-fregatten, U-Booten, Versorgern usw. wachsen wird, versteht angesichts des politischen Willens und des Wachstums der Militärausgaben von selbst.

Den Landanschluss zukünftiger Ankerplätze in Pakistan und Myanmar wird China weiter vorantreiben. Gerade der Landanschluss nach Pakistan durch den Himalaya ist ein technisch extrem schwieriges und teures Projekt, das heute noch nicht begonnen hat, aber kurz oder lang auch mit Blick auf die afghanischen Rohstoffvorkommen kommen wird.

Die J-15 Kampfjets werden ihre Testphase abschließen und den Status der Serienproduktion erreichen. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der Import russischer SU-35, vor allem mit Blick auf deren Triebwerke (und deren spätere Kopie). Auch die J-31 wird weiter entwickelt, aber noch keine Serienreife erreichen. Man schaue bei den Amerikanern zu, wie lange solche Projekte trotz großem Erfahrungsschatz dauern können. Das Forschungsprogramm für nukleargetriebene Träger wird man vorantreiben, aber ohne spektakuläre Nachrichten. Das Programm wurde gerade erst bewilligt. Für mehr als regionale Machtprojektion reicht Chinas Marine bis 2020 nicht aus.

Die Zukunft hat bereits begonnen! Testversuche mit der Drohne X-47B (Unmanned Combat Air System) Ende 2012 auf dem US-amerikanischen Flugzeugträger USS Harry S Truman.

Die Zukunft hat bereits begonnen! Testversuche mit der Drohne X-47B (Unmanned Combat Air System) Ende 2012 auf dem US-amerikanischen Flugzeugträger USS Harry S Truman.

Phase 2: 2020-2030
Nach 2020 wird China über drei Träger verfügen. Die Liaoning und zwei selbstgebaute STOBAR-Einheiten. Folglich wird China immer mindestens eine Trägerkampfgruppe dauerhaft auf See halten können. Deren Schlagkraft ist mit der amerikanischen aber nicht vergleichbar (Liaoning max. 30 Jets, US-Träger rund 80 Jets). Einsatzgebiet ist primär der Westpazifik, vor allem das Ost- und Südchinesische Meer. Hafenbesuche und Militärdiplomatie im Indischen Ozean sind vorstellbar, aber größere Operationen, vor allem solche mit Gewalteinsatz, noch wenig realistisch. Eine von Prestige und Diplomatie motivierte Rundfahrt durch den Südatlantik mit Besuchen in den BRICS-Staaten Südafrika und Brasilien ist vorstellbar.

Der Bau eines dritten und weiterer STOBAR-Träger dürfte vor allem davon abhängig sein, welche Erfahrung China bei Bau und Betrieb der Liaoning und der ersten zwei selbstgebauten Schiffe macht. Profil solcher Träger ist eher Luftunterstützung auf See als Angriff auf Landziele. Denkbar wäre daher, dass China sich anderen Designs zuwendet; etwa nach dem Vorbild der britischen Queen-Elizabeth-Class – diese aber mit Katapult – oder bereits direkt zu Einheiten mit Nuklearantrieb und Startkatapulten (CATOBAR). Bislang nicht diskutiert wurde die Lücke zwischen Chinas Typ 71 Landing Plattform Dock und den Trägern. Über ein Projekt für amphibische Angriffsschiffe (LHA/LHD) ist aus China nichts bekannt. Bei einer Kostenexplosion beim Bau größerer Träger wäre ein Kurswechsel hin zu kleineren Einheiten vorstellbar. Ganz so abwegig ist die Idee nicht, nachdem China “Amphibious Task Forces” im Südchinesischen Meer bereits Macht und politischen Willen demonstrieren lässt.

Während sich die J-15 voll in Serienproduktion und Einsatz- bereitschaft befindet, wird auch die J-31 in dieser Phase die Schwelle vom Experiment zum Kampfjet überschreiten. Interessant ist mit Blick auf chinesische LHA/LHD die Entwicklung einer STOVL-Version der J-31, also eine J-31B auf Basis von Plänen und Daten der russischen YAK-141 und amerikanischen F-35B. Die Idee kursiert, aber Pläne sind heute nicht bekannt. Wie man STOVL-Jets nicht baut, kann sich China gerade bei den Amerikanern abgucken. Über trägergestützte UAV wird ebenfalls zu reden sein.

Erfolgreiche Forschung und Entwicklung vorausgesetzt, könnte China nach 2025 mit dem Bau nukleargetriebener Träger beginnen. Deren Fertigstellung erstreckt sich allerdings über mehr als fünf Jahre. Dass die politische Marschrichtung in Peking in diese Richtung geht, ergibt sich aus drei Gründen. Erstens wird China durch Wirtschaftswachstum und Rohstoffbedarf noch abhängiger vom Seetransport. Zweitens rüsten alle anderen Staaten der Region auch weiter auf. Drittens wird die früher oder später größte Volkswirtschaft der Welt ihr neues Gewicht auch im Vergleich zu den USA auf See demonstrieren wollen, auch durch seegestützte Machtprojektion weit ab vom eigenen Hoheitsgebiet.

Gegen Ende dieser Phase erreicht China das heutige Niveau Frankreichs und Großbritanniens. Das heißt, China ist dann in der Lage anspruchsvolle, expeditionäre Marineoperationen auch mit Anwendung militärischer Gewalt erfolgreich durchzuführen. Beispiele dafür, was mit “anspruchsvolle Operationen” gemeint ist, sind der Falklands-Krieg in 1982 oder Englands Intervention in Sierra Leone in 2000.

So soll der chinesische Shenyang J-31 (aka J-21) Stealth Fighter aussehen, der Ende Oktober 2012 seinen Jungfernflug absolviert hatte.

So soll der chinesische Shenyang J-31 (aka J-21) Stealth Fighter aussehen, der Ende Oktober 2012 seinen Jungfernflug absolviert hatte.

Phase 3: 2030-2040
Allerspätestens in dieser Phase erreicht die Liaoning das Ende ihrer Lebensdauer und wird stillgelegt. Die in den 2010/20er gebauten Träger müssen nach und nach zur Überholung länger in die Werft und fallen nacheinander operativ aus. Nukleargetriebene CATOBAR-Träger laufen stattdessen vom Stapel und die J-31 ist voll einsatzbereit. Ein Basensystem im Indischen Ozean und im Südatlantik steht für die Versorgung bei von Marinemissionen zur Verfügung; evtl. auch für rund um LPD/LHA/LHD gruppierte Expeditionary Strike Groups nach US-Vorbild. In dieser Phase hat China alle Hürden bei der Entwicklung, Bau und Inbetriebnahme von Trägern und Kampfgruppen, Stealth-Kampfjets und UAVs überwunden, denn der Erfahrungsschatz aus dem vielfachen Kopieren fremder, aber auch der Entwicklung eigener Technologien dürfte sich dann in Industrie und Produktion wiederspiegeln.

Um 2040 dürfte China, auch unter Rückgriff auf die IISS-Zahlen zu den Militärausgaben, auf See das Niveau der Sowjetunion in den 1980ern erreichen, also über die Fähigkeit signifikanter globaler Präsenz verfügen, jedoch ohne die Fähigkeit überall, geschweige denn gleichzeitig, militärische Überlegenheit herstellen zu können. Mit einer schlagkräftigen “Two-Ocean-Navy” im Pazifik und Indischen Ozean könnte China auch Auseinandersetzung mit ebenbürtigen Gegnern (Indien, Japan) zu seinen Gunsten entscheiden.

Phase 4: 2040-2065
In Betrieb genommen in den 2030ern, steht bei einer Kapazität von 25 Jahren zwischen 2050-65 die Überholung der nukleargetriebenen Träger an. Wie einleitend gesagt, erreichen die STOBAR-Träger um 2065 das Ende ihrer Lebensdauer. (Die nukleargetriebenen Schiffe, wieder 50 Jahre wie in den USA zugrunde gelegt, dann theoretisch in den 2080ern. Aber das führt zu weit.). Dann dürfte sich auch endgültig entscheiden, ob J-15, J-31 und weitere Muster die letzte Generation von Menschen geflogener Kampfjets darstellen.

Wenn überhaupt, würde China erst in dieser Phase zum ernsthaften, globalen Konkurrenten der USA, den Erhalt des Status quo der US Navy trotz knapper Kassen vorausgesetzt. (In Washington stehen viele der Großprojekte für die nächsten Jahrzehnte momentan ja auf der Kippe; etwa SSBN X, Gerald-Ford-Class Träger, F-35B, B-3 Bomber, Zerstörer, usw.). Dann bestünde Mitte des Jahrhunderts in etwa maritime Bipolarität, wobei China bis dahin auf keinen Fall elf nukleargetriebene Träger betreiben wird, wie es die USA heute und wohl auch weiterhin tun werden. Das maritime Handeln anderer Mächte könnte China massiv behindern oder unterbinden und große Kampfoperationen nach US-Vorbild fast überall durchführen. Allerdings zeigt sich hier durch diesen sehr langen Horizont sehr deutlich, wie übertrieben viele heutige Debatten rund um Chinas maritime Aufrüstung sind.

Fazit
Dieser Artikel über Chinas Träger oder die Debatten über Träger und SSBN in den USA, Großbritannien, Frankreich und Russland weisen auf etwas hin, das Deutschland viel zu wenig hat: Nachdenken und Diskussionen über Sicherheitspolitik in den nächsten Jahrzehnten. Das “ob” und “wie” heutiger Kauf- und Bauentscheidungen erfordert aufgrund der auf Jahrzehnte angelegten Natur solcher Projekte den ganz weiten Blick nach vorn. Nehmen wir die Trident-Debatte in Großbritannien. Dort sind Befürworter und Gegner gezwungen, darüber zu reden und zu begründen, ob die geo- und sicherheitspolitischen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnten diese Komponente weiter erfordern oder eben nicht. Langfristige Bewusstseinsbildung ist der positive Nebeneffekt.

In Deutschland – 2030 die sechst-, 2060 die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt – wäre man gut beraten, den strategischen Weitblick nicht Paris und London zu überlassen. Denn wer weiß, vielleicht läuft eine maritime Intervention Chinas eines Tages deutschen/europäischen Interessen einmal diametral zu wider. Durchwurschteln auf Sicht schwächt aber nur die eigene Handlungsfähigkeit.

This entry was posted in China, Felix F. Seidler, International, Sea Powers, Technology.

8 Responses to Chinas Trägerprogramm bis 2065

  1. Pingback: Der weite Weg Chinas zur Seemacht | Sigillum Septimum

  2. Stehlin says:

    Ich erlaube mir einmal folgende Aussage:
    Die Luftwaffe ist durch die Drohnen bereits massiv im Umbruch. In 50 Jahren wird es keine bemannten Kampfflugzeuge mehr geben und alle bereiche der Luftwaffe werden durch Drohnen in der Hauptlast durchgeführt. Dadurch dass die Drohnen sehr lange Einsatzzeiten haben, können diese global agieren und machen damit Flugzeugträger überflüssig.

  3. R.Keller says:

    Drohnen: Es wird wohl keine 50 Jahre dauern bis es keine bemannten Kampfflieger mehr geben wird.
    Mach-3-4 Drohen sollen bereits in Erprobung sein.
    Die Technologie der Lockheed SR 71 wird wohl Pate stehen.
    Sinn machen diese Drohnen nur wenn sie klein, im nahen Weltraum in 30-50 Km Höhe
    operieren können. So können sie erdnahe Satelliten und Bodenziele bekämpfen.
    Die Bewaffnung werden EMP-Bomben, Laserguns und Mini-Nukes sein. Diese Technologien
    sind bereits vorhanden. Technologisch werden dann wohl die Chinesen das Sagen haben – die
    Werkbank der Welt. Wir hatten ihnen durch die Produktionsauslagerung alle Mittel in
    die Hände gegeben.

  4. Felix says:

    Was Drohnen, also die 6. Generation von Kampflugzeugen angeht:

    Die Generation 4+ (Eurofighter) steht in Europa ebenso am Beginn ihrer Karriere wie die 5. Generation in den USA (F-35), Russland/Indien (T-50) und China (J-20/31). Die Serienproduktion und Einführung all dieser Muster in die Streitkräfte wird noch eine ganze Weile dauern. Danach bilden sie lange das Rückgrat ihrer Luftwaffen. Und mindestens das US-Programm ist ein Fass ohne Boden. Aus China und Russland kriegt man einfach keine Misserfolgsmeldungen, sondern nur Public Diplomacy.

    Bis irgendein Staat bereit ist, ein neues bodeloses Fass names Kampflugzeuge der 6. Generation aufzumachen, wird – unabhängig vom dem, was heute erforscht wird – noch eine ganze Weile vergehen.

  5. Quino says:

    Bitte lesen Sie doch die Stellungnahmen zu Drohnen von Winslow T.Wheeler in der Time und bitte alle 5 Beiträge. Oder auch den Beitrag von US Airforce Chief of Staff Gen Norton Schwartz in Flight International 07-13 Aug 2012. Danach sieht die Welt der Drohnen ein wenig anders aus.

  6. Quino says:

    Zusätzlich wegen der Datenlinkkosten und mehr auch empfehlenswert:
    Shelling Out UK Government Spending on Unmanned Drones Drone Wars UK
    http://www.dronewars.net

  7. Pingback: Buchrezension: Maritime Sicherheit | Offiziere.ch

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This blog is kept spam free by WP-SpamFree.